ART ALARM

Orient inspiriert Okzident

Nigatu Tsehay, geboren in Addis Abeba Äthiopien

studierte an der Staatlichen Akademie Stuttgart und gehört zur Neuentdeckungen  der Galerie KEIM. Seine  großflächige Malerei zeigt die Anatomie des Menschen  in all seinen Facetten. Überproportionale Extremitäten und Verzerrungen der menschlichen Figur weisen auf einen eigenständigen Malstil und überzeugender Qualität.

Es ist ein manieristischer Stil der ein wenig an die Skulpturengruppe Laokoon oder an die Malerei in der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo erinnert. Die Malerei hat einen anatomisch sezierenden Charakter in einer eigenwilligen Farbgebung.

Die Gesichter klar abgegrenzt mit wenigen Strichen plastiniert,

die Motivwahl immer dem Menschen in seiner Verletztheit zugewandt.

…das Bild gewährt mir Freiheiten

Ob Künstler, Kunsthistoriker oder betrachtend interessierte Erwachsene: Noch sind wir alle Kinder des 20. Jahrhunderts.
NIGATU ist da keine Ausnahme. Figurativ – doch mit z.T. auch abstrakten Bildbestandteilen – schafft er eine unverwechselbare Bildwelt, die in vielerlei Hinsicht an Vertrautes zu erinnern vermag: mal scheint ein verwandelter Max Beckmann, mal ein ebensolcher Bacon zugegen zu sein – oder beide sind zugleich, in ungestörter Eintracht, präsent. Hier wird nicht zitiert, hier liegen keine Collagen vor, eher rätselhafte, originelle und zugleich autonom originäre Traumwelten, ein Ultra-Neo-Surrealismus könnte man fast meinen, so sehr findet hier die Verwandlung des Vertrauten statt. Eine Eigenwelt wird geschaffen. Zum Wohlfühlen? – Sonntagsspaziergänge sähen wohl anders aus, wirkliche Albträume allerdings auch. – Verwandelte Schlüsselerlebnisse, sublimierte Traumatisierungen?
In kompositorischer Brillanz wird, Form und Farbe beherrschend, dienlich nutzend, oftmals eine komplex verschachtelte, doch klar erfassbar wirkende Bildfläche geschaffen, in bescheidener Plastizität ausdrucksstarke
Körperlichkeit, verfremdete Physiognomie eingebracht. Nichts ist zu viel, an nichts mangelt es. Geometrische
Strukturen, Flächen und unbuntfarbige Linien können – mitunter umklammernd, gefangen haltend oder auch
schützend, manchmal sogar Zerlegtes und Verformtes stabilisierend – organisch Geformtem begegnen.
 
Schwarz-braune Gitterstäbe im Hintergrund und vergitternde Bettbestandteile in einer nächsten Bildebene – als weiterer, jedoch unmittelbarerer Hintergrund – treten da in einem großformatigen Gemälde in Erscheinung; ein auf seinem Bett Sitzender, in sich Versinkender befindet sich – das Bild trotz oder gerade wegen seiner Passivität beherrschend – davor. Die Stellung der Füße gleich jener eines Gekreuzigten, die Arme in resignierter Lethargie verschränkt, scheint er, vage Beachtung suchend, zu uns zu schauen – oder doch nicht? Einsam ist er, getrennt von kleinformatig zu seiner rechten Seite – offensichtlich mit Abstand – im Hintergrund platzierten Gefangenen, alle verloren aneinander gedrängt, und zudem, hinter jenen schon erwähnten Gittern, aufrecht stehend, welche, in ihrer vertikalen Ausrichtung, mit jenen des Bettes, erschreckend korrespondieren. Ist das da im Hintergrund, mit all jenen Gefangenen, „nur“ ein Fernseher, mit aktueller Dokumentation konstanter Bestandteile unseres
kollektiven Welttheaters? – Eigene Erinnerung? – Die Ursache so klar erkennbarer Einsamkeit? – Oder doch ein
Albtraum?
Das Wichtigste muss jener einsam Dasitzende im Vordergrund sein! Mit dem Gelb seiner Hose farblich korrespondierend, führt, im linken unteren Viertel des Bildes auf dem Bett liegend, doch in kubistisch anmutender Draufsicht gemalt, ein seinerseits dezent vergittertes Buch den Blick des Betrachters diagonal rechtsläufig, also in Leserichtung, direkt zu ihm – jenem Vereinzelten – hin, also ganz genau anvisierend in Richtung jenes Protagonisten denkbarer Deutung, die, im doppelten Sinne, des Hintergrundes bedarf. Es wird deutlich: „narrative Betrachtung“ gehört dazu – oder kann zumindest dazugehören. Das Bild erzählt, unter anderem. Der Betrachter vermag die Rolle des Bildes einzunehmen, selber erzählend, doch im Idealfall als guter Übersetzer der Sprache des Bildes. Ansonsten: auch als Weitergestaltender in Worten, ohne dem Bild dabei in irgendeiner Weise zu schaden! – Umberto Eco hätte hier ein schönes Beispiel für seinen Begriff des „offenen Kunstwerks“ vorgefunden. –
 
Doch wenden wir uns der Wirkung jener Arbeit NIGATUs nochmals zu. Während Informationen unserer Medienwelt, aneinander gereiht, eindeutige Verständlichkeit anstreben, geschieht hier etwas anderes. Mich, als Betrachter, lässt das Bild, je länger ich mich mit ihm beschäftigt habe, nicht mehr los. Bin ich, mit den Gefangenen im Hintergrund, ein weiterer Gefangener, den Mann im Bilde mit jenen anderen dahinten regelrecht umklammernd? – Wohl kaum, das Bild gewährt mir Freiheiten, aber auch Verbindlichkeit. Diese liegt in seiner gekonnten inneren Stimmigkeit, bei gleichzeitiger Vielfalt. Dazu gehört, dass mit dem hier Geschriebenen erst
ein kleiner Teil des Bildganzen erfasst wurde – und in Bezug auf NIGATU: jenes Bild ist nur eines von vielen, ein jedes schafft jedoch eine neue Eigenwelt, mal ernster anmutend, wie hier, mal geradezu witzig und frech, wie in einer Reihe verwandter und doch wieder völlig anderer Arbeiten.
Dr. Amin Carl Mukhlis 2016